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Dr. Jochen Wegner vom Dummerstorfer Institut inmitten seiner Forschungsobjekte – die Rinder sehn's gelassen. |
Um Rindersteaks grillen zu können, muss das Fleisch auch in Europa mehr Fett enthalten. Im Bild Fleisch aus Japan mit etwa 30% intramuskulärem Fettgehalt. |
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OZ-Foto: Günter Dehn |
Foto: Takafumi Gotoh, Japan |
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Donnerstag, 25. Juli 2002 |
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Plädoyer für ein fettes Steak |
Passend zur Gartenparty-Saison sagen Wissenschaftler aus
Dummerstorf bei Rostock drögem Rindfleisch den Kampf an. Dummerstorf Dr. Jochen Wegner vom Forschungsinstitut für die Biologie
landwirtschaftlicher Nutztiere in Dummerstorf bei Rostock, möchte dem
Verbraucher nun das zurückgeben, was Züchter in jahrzehntelanger Arbeit
reduzierten – das Fett im Muskelfleisch. Die
„Marmorierung“, also die Einlagerung von Fettzellen, sei eine ganz
wesentliche Qualitätseigenschaft vor allem von Rindfleisch. „Marmoriertes
Steak ist besser zu kauen, eben zarter als seine mageren Pendants“, erklärt
der Fleisch-Forscher. Und, „noch viel wichtiger: Fett ist der Geschmacksträger“. Rindfleisch hinter deutschen Ladentischen enthält üblicherweise
drei, vier, maximal fünf Prozent Fett im Muskelfleisch. Sieben bis zehn Prozent
müssten es nach Auskunft des Forschers schon sein, um Rindersteaks wie eine
Bratwurst oder ein Kammsteak grillen zu können. In den USA und Kanada und erst recht in Japan schätzt man
das Muskelfett als Geschmacksspender. Die japanische Rinderrasse Wagyu weist 30
Prozent Fett im Muskelfleisch auf und gilt als Delikatesse. Freilich hat die
auch ihren Preis. In Tokio zahlt man zehn Euro – für nur 100 Gramm
Rind-Fleisch vom Wagyu. Dafür mästen Japaner ihre Rinder mit rund zehn
Kilogramm Kraftfutter pro Tag. Das besteht aus Gerste, Soja-Extraktionsschrot
oder Rübenschnitzeln mit Mineralstoffen versetzt. Leider wird mit hochwertigem Getreide nicht nur die
Marmorierung im Muskelfleisch produziert. Fett entsteht im gesamten Körper und
unter der Haut. In den USA fallen erkleckliche Mengen an sogenanntem Schlachtkörperfett
an – teuer ermästet, aber unbrauchbar für die Ernährung. Deshalb
geht es den Forschern am Dummerstorfer Institut nicht um fettere Rinder
schlechthin. „Wir wollen Rinder, die vor allem im Muskel Fett ansetzen“,
sagt Jochen Wegner.
Die wissenschaftliche Frage lautet: Wie lässt sich die
Fetteinlagerung unterschiedlich steuern? Aus der Humanmedizin weiß man, dass
Dickleibigkeit nicht nur eine Sache der Ernährung, sondern auch der Veranlagung
ist. Die Blauen Belgier, eine europäische Rinderrasse, sind mit 0,5 Prozent
intramuskulärem Fett reinste Muskel-Pakete. Und bis zu den 30 Prozent Fett bei
den japanischen Wagyus gibt es jede Menge genetischer Variationen. Deshalb interessieren die Forscher sich vor allem für die
Gene von Hormonen, Enzymen oder Rezeptoren, die bei der Einlagerung von Fett
eine Rolle spielen könnten. Zu den interessanten Substanzen zählt das Leptin,
ein 1994 entdecktes Protein, das von Fettzellen ausgeschieden wird und im Hirn
über einen entsprechenden Rezeptor eine Art Sättigungsgefühl bewirkt. Auch
das Enzym Lipoprotein-Lipase ist ein Schlüsselmolekül zur Regulation des
Fettstoffwechsels. In Dummerstorf verglich man die Mechanismen dieser Moleküle
in unterschiedlichen Fett-Depots von Tieren. Dabei fanden die Forscher um Dr.
Wegner Abweichungen in der so genannten messenger RNA, die Auskunft gibt über
die Aktivität der „zuständigen“ Gene. Für Wissenschaftler „ein Hinweis
darauf, dass es unterschiedliche Regulationsmechanismen für die einzelnen
Fett-Depots geben müsste“. Die Dummerstorfer Forscher wenden sich jetzt Faktoren zu,
die die Umwandlung von Vorläufer-Fettzellen in Adipozyten regeln. Man hofft mit
ihrer Hilfe den Fettaufbau im Muskelfleisch, und nur dort, beschleunigen zu können.
Bis zum zarten Rindersteak auf Party-Grills in deutschen Gärten freilich ist es
noch ein langer Weg. Und für Kurzgebratenes in der Pfanne gilt weiterhin: Man
nehme viel Speck und Kräuterbutter.
REGINE RACHOW